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Englisch & LRS: Warum Verstehen und Struktur zusammengehören
Im nächsten Artikel der Reihe wird es darum gehen, warum klassisches Vokabellernen für Kinder mit LRS oft nicht zielführend ist – und weshalb es nicht darum geht, möglichst früh möglichst viel zu üben, sondern zunächst Vertrautheit aufzubauen. An dieser Stelle entsteht bei vielen Eltern, aber auch bei Lehrkräften und Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten eine wichtige Frage: Wie passt das mit einem strukturierten Lernen zusammen? Brauchen Kinder mit LRS nicht gerade klare Strategien, Regeln und einen systematischen Aufbau?
Die Antwort ist: doch. Aber nicht zu jedem Zeitpunkt – und nicht in jeder Phase gleich. Und darum wird es in diesem Artikel gehen.
Zwei Zugänge zur Sprache – beide sind wichtig
Kinder mit LRS brauchen für das Lernen einer Fremdsprache zwei unterschiedliche Zugänge: 1. einen Zugang über Vertrautheit und Erleben 2. einen Zugang über Struktur und bewusstes Verstehen. Beide sind notwendig. Entscheidend ist jedoch, wie sie eingesetzt und miteinander verbunden werden.
Der erste Zugang: Sprache erleben und vertraut werden lassen
Zu Beginn steht nicht das bewusste Lernen, sondern das Erleben von Sprache. Das bedeutet:
Kinder hören Englisch, sie sehen Wörter, sie erkennen etwas wieder, sie probieren sich aus.
Sie entwickeln ein Gefühl dafür, wie Sprache klingt und funktioniert – ohne dass sie alles sofort erklären oder korrekt anwenden müssen. Dieser Zugang ist besonders wichtig für Kinder mit LRS, weil er sie nicht direkt mit ihren Schwierigkeiten im Bereich der Schriftsprache konfrontiert.
Stattdessen erleben sie:
Diese Erfahrungen sind die Grundlage für Motivation und Lernbereitschaft.
Der zweite Zugang: Sprache verstehen und strukturieren
Parallel dazu – aber zeitlich versetzt und aufbauend – braucht es einen zweiten Zugang: das bewusste Durchdringen von Sprache. Hier geht es um:
Gerade in der Lerntherapie ist dieser strukturierte Zugang zentral. Kinder mit LRS profitieren davon, wenn Sprache nicht nur erlebt, sondern auch erklärt und systematisch aufgebaut wird.
Warum die Reihenfolge entscheidend ist
Der entscheidende Punkt ist nicht, ob beide Zugänge wichtig sind – sondern wann sie in den Vordergrund treten. Wenn Kinder zu früh mit Analyse, Regeln und Schreiben konfrontiert werden, ohne dass Sprache ihnen vertraut ist, entsteht häufig genau das, was viele Eltern und Lehrkräfte beobachten: Überforderung, Unsicherheit und Rückzug. Das Kind arbeitet dann auf einer Grundlage, die noch nicht stabil ist. Wenn dagegen zunächst Vertrautheit aufgebaut wird, verändert sich die Ausgangslage:
Wörter sind nicht mehr völlig neu.
Klänge sind bekannt.
Erste Muster wurden bereits unbewusst aufgenommen.
Auf dieser Basis kann strukturierte Arbeit deutlich wirksamer ansetzen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ein Kind begegnet dem Wort because. Ohne vorbereitende Vertrautheit bedeutet das:
Mit vorbereitender Vertrautheit:
Wenn nun im nächsten Schritt genauer hingeschaut wird – etwa auf die Struktur oder Schreibweise –, greift das Kind auf etwas zurück, das bereits innerlich angelegt ist. Das verändert den gesamten Lernprozess.
Kein Entweder-oder, sondern ein Zusammenspiel
Es geht also nicht darum, Struktur zugunsten von „spielerischem Lernen“ wegzulassen. Und es geht auch nicht darum, Kinder einfach „machen zu lassen“. Vielmehr geht es um ein bewusstes Zusammenspiel:
Gerade in der Lerntherapie ist diese Verbindung zentral.
Was das für Eltern bedeutet
Eltern müssen zu Hause keine „Vorarbeit im klassischen Sinne“ leisten. Es geht nicht darum, Regeln vorwegzunehmen oder Wörter korrekt einzuüben. Hilfreich ist vielmehr:
Die strukturierte Arbeit darf dann im Unterricht oder in der Lerntherapie stattfinden – auf einer Basis, die bereits gelegt ist.
Was das für Lehrkräfte bedeutet
Lehrkräfte erleben häufig, dass Kinder mit LRS im Schriftlichen deutlich schwächer sind als im Mündlichen. Dieses Modell hilft, das einzuordnen: Das Kind verfügt oft bereits über ein gewisses Sprachgefühl, kann dieses aber noch nicht sicher in Schrift umsetzen. Wenn Unterricht beide Ebenen berücksichtigt – Vertrautheit und Struktur –, entsteht mehr Anschlussfähigkeit.
Was das für die Lerntherapie bedeutet
In der Lerntherapie liegt eine besondere Chance: Hier können beide Zugänge gezielt miteinander verbunden werden.
Diese Verzahnung ermöglicht es, individuelle Lernwege zu berücksichtigen und gleichzeitig klare Strukturen anzubieten.
Ein Perspektivwechsel
Vielleicht ist der wichtigste Gedanke dieses Artikels: Kinder mit LRS lernen nicht weniger strukturiert.
Sie lernen anders strukturiert.
Nicht alles gleichzeitig.
Nicht unter hohem Druck.
Sondern in aufeinander aufbauenden Schritten.
Ich habe mich aufgrund einer Fortbildung bei “Wege für Kinder” intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Und dadurch ein Strukturpapier entwickelt, in welcher Reihenfolge was wie aufgebaut werden kann. Es ist ein spannendes Thema und ich bin erst am Anfang meiner Reise. Einer Reise, bei der es viel zu entdecken gibt. Wie man Kindern mit LRS die Fremdsprache Englisch vertraut machen kann. Mit Struktur und mit Sicherheiten.
Fazit
Englischlernen mit LRS gelingt dann besonders gut, wenn zwei Zugänge miteinander verbunden werden: Ein Zugang über Vertrautheit, der Sicherheit schafft, und ein Zugang über Struktur, der Verständnis ermöglicht. Beides gehört zusammen. Aber nicht zur gleichen Zeit in gleicher Intensität.
Wenn diese Balance gelingt, entsteht eine stabile Grundlage, auf der Kinder Schritt für Schritt Kompetenzen aufbauen können.
Ihre
Sabine Walker
Hinweis
Dieser Leitfaden ist Teil einer fortlaufenden Reihe.
Die einzelnen Artikel bauen aufeinander auf und vertiefen jeweils einen zentralen Aspekt.
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Sabine Walker
Praxis für integrative Lerntherapie
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