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Englisch & LRS – gut vorbereitet in Klasse 5

Englisch & LRS – gut vorbereitet in Klasse 5

Wie Kinder mit LRS gut vorbereitet in die Klasse 5 starten können

Ich biete seit etlichen Jahren in meiner Lerntherapie-Praxis Englischkurse für Kinder mit LRS an. Ich überdenke immer wieder Konzepte, entwickle Spielideen und arbeite Stundenentwürfe aus – immer mit dem Ziel, den Kindern wieder Lust, Freude und Neugierde für eine Fremdsprache zu verschaffen.

Dadurch erreichen mich auch immer wieder Fragen wie:
„Wie bereite ich mein Kind auf die weiterführende Schule im Fach Englisch vor?“

Ich erlebe häufig, wie der Druck in der 4. Klasse enorm steigt – sowohl für Eltern als auch für Kinder. Die Frage nach der passenden Schulform, die Entscheidung, welche es letztlich werden wird, und zusätzlich die Sorge, ob die Tochter oder der Sohn ausreichend auf die weiterführende Schule vorbereitet ist. Und damit verbunden die Unsicherheit, ob und wie man zu Hause bereits üben sollte – insbesondere im Fach Englisch.

Dazu kann ich ganz klar sagen, dass ein frühes „Vokabeln pauken“, das Durcharbeiten von Arbeitsheften, das Einfordern von geschriebenen Wörtern oder Sätzen sowie das sofortige Korrigieren jeder Kleinigkeit nicht zielführend ist. Verschärft gesagt bewirkt es häufig sogar das Gegenteil: Kinder werden verunsichert und verlieren schon früh die Lust am Englischlernen.

Warum Englisch für Kinder mit LRS oft früh schwierig wird

Englisch stellt besondere Anforderungen, die sich deutlich von Deutsch unterscheiden:

  • Englisch ist nicht lautgetreu
  • Lesen und Schreiben sind sehr früh prüfungsrelevant, das heißt: Es wird schnell benotet und offenbart deutlich die Defizite des Kindes
  • das Lerntempo ist oft hoch
  • Wörter müssen häufig schriftlich behalten werden

Für Kinder mit einer LRS bedeutet das oft schon nach kurzer Zeit, dass sie mit dem Tempo nicht mithalten können. Es frustriert sie, dass sie Wörter nicht richtig schreiben können oder enorm viel mehr Zeit investieren müssen als ihre Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, um einigermaßen mitzuhalten.

Englisch & LRS

In der Folge entstehen Versagensängste. Die Kinder ziehen sich zunehmend zurück, schalten innerlich ab, es entstehen Blockaden – bis hin zur Leistungsverweigerung. In meinen Englischkursen berichten mir viele Kinder, dass sie abschalten, gar nicht mehr zuhören und „nichts mehr verstehen“. Im schlimmsten Fall zieht sich das über Jahre hinweg, bis zu dem Zeitpunkt, an dem es um Prüfungsvorbereitungen geht und die Defizite des Einzelnen sehr deutlich sichtbar werden.

Was Kinder mit LRS vor Klasse 5 wirklich brauchen

Gute Vorbereitung bedeutet, Zugänge zu schaffen und Sprache vertraut zu machen. Wenn wir uns vor Augen führen, wie Muttersprache – sehr vereinfacht formuliert – erworben wird, nämlich durch Hören, das Abspeichern von Rhythmus und Betonung und durch Anwenden, nicht durch das Erklären von Regeln, dann wird verständlich, wie wichtig es ist, auch eine Fremdsprache auf diese Weise erlebbar zu machen.

Es geht nicht darum, Stoff anzuhäufen, sondern darum, dass Sprache lebt und erlebt werden kann – und vor allem ausprobiert werden darf.

Es geht dabei um fünf zentrale Bereiche:

1. Englisch hören – ohne etwas leisten zu müssen

Kinder mit LRS profitieren enorm davon, Englisch zunächst über das Ohr kennenzulernen.

  • kurze Hörimpulse – sie entlasten das Lesen
  • klare Sprecherstimmen – Sprachrhythmus kann entstehen
  • wiederkehrende Themen – Englisch wird vertraut

Es gibt kein Abfragen, keine Tests und kein Bewertet werden.

2. Wörter als Ganzes wahrnehmen

Ein zentrales Problem in Klasse 5 ist, dass Kinder versuchen, englische Wörter deutsch zu lesen (ist Ihnen das schon einmal aufgefallen?). Deshalb ist es für die Kinder so wichtig und hilfreich, wenn sie Wörter wiedererkennen können.

Ich zeige zu Beginn der Kurse den Kindern teilweise eine ganze Liste mit Anglizismen. Es ist sehr spannend zu beobachten, wie die Kinder zunehmend gelöster werden, weil sie plötzlich erkennen, dass sie im Grunde schon viele englische Wörter kennen – und ihnen sogar das Schriftbild vertraut ist.

Dieses Wiedererkennen ist eine wichtige Vorstufe, um Wortschatz überhaupt sichern zu können.

Kinder wollen alles richtig machen. Solange ihnen die Sprache jedoch nicht vertraut ist, bemühen sie sich, englische Wörter zu lautieren, also so auszusprechen, wie sie es aus dem Deutschen kennen. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass diese Kinder sich oft bereits durch die Grundschule kämpfen mussten, Strategien entwickelt haben, um beim Lesen und Schreiben einigermaßen zurechtzukommen.

Nun kommt eine Sprache hinzu, bei der diese Strategien nicht mehr greifen – im Gegenteil: Wenn ein Kind ein Wort Buchstabe für Buchstabe erfasst und „deutsch“ ausspricht, wird es häufig korrigiert oder schlimmstenfalls ausgelacht.

Ein visueller Anker ist etwas, woran sich ein Wort optisch festhält: durch Farbe, ein Bild, einen Wortteil oder eine feste Position. Das hilft dem Kind, sich sicherer zu fühlen, weil diese Anker wiederkehrend eingesetzt werden können.

3. Sprechen dürfen – ohne Schreibzwang

Viele Kinder mit LRS sagen:
„Ich könnte Englisch, aber ich kann es überhaupt nicht aufschreiben.“

Aus diesem Grund ist es wichtig, Sprechen und Schreiben klar voneinander zu trennen. Vorerst geht es nur um Nachsprechen, um das Erkennen und Anwenden kurzer Satzmuster, um einfache Antworten, darum, Wörter zeigen, auswählen und benennen zu können und Zusammenhänge zu erkennen.

Schreiben darf – nein: muss – erst später kommen.

4. Fehlerfreundlichkeit entwickeln

Kinder mit LRS bringen häufig bereits negative Lernerfahrungen mit. Englisch darf nicht der nächste Angstbereich werden.

Kinder sollten erleben, dass Fehler normal sind, dass eine Fremdsprache zunächst ungewohnt – eben fremd – klingt und nicht perfekt ausgesprochen wird. Fehler sind erlaubt, genauso wie beim Erlernen der Muttersprache. Ich glaube kaum, dass eines der Kleinkinder von Anfang an perfekt gesprochen und jede grammatikalische Regel sofort korrekt angewendet hat.

5. Selbstvertrauen und Orientierung

Kinder brauchen vor allem das Gefühl: „Ich darf mir Zeit nehmen.“ Und die Erfahrung: „Ich kann das – auf meine Weise.“ Kinder brauchen die Zeit dazu, Erfahrungen machen zu können, spierisch damit umgehen zu können. Sie brauchen ihre “Aha-Momente”, ihre Erfolgserlebnisse. Sie müssen erleben dürfen, dass sie Wörter kennen, erkennen, verstehen können.

Dazu gehört sich vorstellen zu können, was sie erwartet. Sicherheit entsteht nicht durch Wissen, sondern durch Verlässlichkeit und Vertrautheit.

Was Eltern konkret tun können

✔ Englisch hörbar machen
✔ spielerisch mit Wörtern umgehen
✔ sprechen lassen, nicht zum Schreiben zwingen
✔ Fehler zulassen
✔ Mut machen statt vergleichen

Und ganz wichtig: Vorbereitung heißt nicht beschleunigen. Kinder mit LRS brauchen keinen Vorsprung, sondern einen sicheren Start.

Ein Wort direkt an die Eltern

Viele Eltern, mit denen ich spreche, machen sich große Sorgen, alles richtig zu machen. Sie fragen sich, ob sie genug tun, ob sie zu wenig tun oder ob sie vielleicht etwas versäumen, das später schwer aufzuholen ist. Diese Sorgen sind sehr verständlich – und gleichzeitig möchte ich an dieser Stelle entlasten:
Sie haben nichts falsch gemacht.

Kinder mit LRS lernen anders. Sie brauchen keine zusätzliche Beschleunigung, keinen Vorsprung und keinen Druck von außen. Was sie brauchen, sind Erwachsene, die ihre Unsicherheit ernst nehmen, ihnen Zeit zugestehen und darauf vertrauen, dass Lernen auch in kleinen, ruhigen Schritten möglich ist. Unterstützung bedeutet hier nicht, mehr zu üben, sondern den passenden Rahmen zu schaffen, in dem Ihr Kind lernen darf, ohne Angst vor Fehlern zu haben.

Fazit

Englisch kann für Kinder mit LRS gelingen – nicht, weil sie früher beginnen oder mehr üben,
sondern weil sie anders vorbereitet werden.

Ein guter Start in Englisch entsteht dort, wo Kinder die Sprache erst hören dürfen, wo Wörter vertraut werden, bevor sie geschrieben werden müssen,
wo Sprechen wichtiger ist als Perfektion und wo Fehler nicht als Schwäche, sondern als Teil des Lernens verstanden werden.

Kinder mit LRS brauchen keine Beschleunigung. Sie brauchen Sicherheit, Zeit und die Erfahrung: „Ich kann Englisch – aber eben auf meine Weise.“

Wenn wir ihnen diesen Raum geben, kann Englisch zu einer Sprache werden, die neugierig macht – statt Angst auszulösen.

Serien-Hinweis

In den folgenden Artikeln dieser Reihe gehe ich auf einzelne Aspekte noch genauer ein – unter anderem darauf,

  • warum frühes Vokabelpauken Kindern mit LRS oft eher schadet,
  • weshalb das Hören von Englisch eine so große Rolle spielt,
  • wie Kinder Wörter wiedererkennen können, ohne schreiben zu müssen,
  • und warum Selbstvertrauen der wichtigste Schlüssel für einen guten Start in Englisch ist.

Ziel dieser Reihe ist es, Eltern Orientierung zu geben und Kindern mit LRS einen angstfreieren Zugang zur englischen Sprache zu ermöglichen.

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