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Englisch & LRS: Warum Vokabelpauken Kindern mit LRS oft schadet – und was stattdessen hilft

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Englisch & LRS: Warum Vokabelpauken Kindern mit LRS oft schadet – und was stattdessen hilft

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe zum Thema

“Englisch lernen mit LRS – ein anderer Zugang zur Sprache”

Im ersten Artikel dieser Reihe ging es darum, was Kinder mit LRS für einen guten Start in Englisch wirklich brauchen: Vertrautheit, Sicherheit und einen Zugang über Hören, Erleben und Ausprobieren – nicht über Druck und frühe Leistung.

Ein Bereich, in dem genau dieser Druck jedoch besonders schnell entsteht, ist das klassische Vokabellernen. Viele Eltern kennen die Situation: Die ersten Wortlisten tauchen auf, vielleicht schon vor oder zu Beginn der 5. Klasse. Und damit auch die Frage: „Soll mein Kind das jetzt schon üben?“ Diese Frage ist verständlich – und gleichzeitig führt sie oft genau an den Punkt, an dem Lernen beginnt, schwierig zu werden. Denn so, wie Vokabeln häufig gelernt werden, hilft es Kindern mit LRS meist nicht.
Im Gegenteil: Es kann genau das verstärken, was Lernen erschwert.

Warum Vokabelpauken oft nicht funktioniert

Vokabelpauken bedeutet in der Praxis meist:
Wörter werden gelesen, wiederholt aufgeschrieben und auswendig gelernt. Was dabei oft übersehen wird: Diese Form des Lernens setzt Fähigkeiten voraus, die bei Kindern mit LRS nicht automatisiert verfügbar sind. Beim Schreiben eines englischen Wortes muss ein Kind gleichzeitig:

  • die Lautstruktur erfassen
  • die (oft ungewohnte) Buchstabenfolge speichern
  • die Schreibweise überprüfen
  • und mit der eigenen Unsicherheit umgehen

Diese Prozesse laufen nicht automatisiert ab, sondern bewusst und unter erhöhter Anstrengung. Aus lernpsychologischer Sicht bedeutet das: Die kognitive Belastung ist deutlich erhöht.

Während andere Kinder ein Wort mit der Zeit automatisieren, bleibt es für Kinder mit LRS oft instabil. Es wird gelernt – und kurze Zeit später wieder vergessen. Nicht, weil das Kind sich nicht bemüht hat.
Sondern weil die Anforderungen zu viele Prozesse gleichzeitig beanspruchen.

Das eigentliche Problem: Lernen unter Druck

Ein zentraler Punkt ist dabei weniger das einzelne Wort – sondern die Lernsituation. Wenn ein Kind merkt:
„Ich soll mir das merken – und ich schaffe es nicht“, entsteht Druck. Und dieser Druck verändert Lernen. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich:

  • weg vom Verstehen
  • hin zur Fehlervermeidung

Kinder beginnen:

  • langsamer zu arbeiten
  • sich stärker zu kontrollieren
  • oder Situationen ganz zu vermeiden

Gleichzeitig entstehen innere Überzeugungen wie:

  • „Ich kann mir das nicht merken.“
  • „Ich bin schlecht in Englisch.“
  • „Ich mache immer Fehler.“

Diese Gedanken sind nicht nur Begleiterscheinungen. Sie beeinflussen Motivation, Beteiligung und Lernverhalten nachhaltig.

Warum „mehr üben“ oft das Gegenteil bewirkt

Wenn ein Kind Schwierigkeiten hat, liegt die naheliegende Reaktion darin, mehr zu üben. Doch gerade beim Vokabellernen führt das häufig nicht zum Ziel. Wenn der Zugang nicht passt, führt mehr Übung zu:

  • mehr Wiederholungen von Unsicherheit
  • mehr Fehlererfahrungen
  • mehr Frustration

Das Kind erlebt: „Ich habe geübt – und es klappt trotzdem nicht.“ Auch die Eltern erzählen mir meist, dass ihre Kinder wirklich viel geübt hätten. Und die Kinder zählen mir auf, an welchen Tagen sie lange Vokabeln gelernt haben. Aus lernpsychologischer Sicht ist genau diese Erfahrung problematisch, weil sie die Selbstwirksamkeit schwächt – also die Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. Und diese Überzeugung ist eine zentrale Voraussetzung für Lernen.

Was im ersten Artikel angelegt wurde – und hier entscheidend wird

Im ersten Artikel wurde ein grundlegender Gedanke formuliert: Kinder mit LRS brauchen Vertrautheit, bevor sie leisten sollen. Genau hier liegt der Schlüssel. Ein Wort kann nur dann stabil gespeichert werden, wenn es für das Kind bereits eine Bedeutung hat – und zwar nicht nur als Übersetzung, sondern als innerlich verankerte Erfahrung.

Das bedeutet: Ein Kind sollte ein Wort

  • gehört haben
  • wiedererkennen können
  • und mit einer Bedeutung verbinden

Erst dann entsteht eine tragfähige Grundlage für weiteres Lernen.

Vom Einprägen zum Vertrautwerden

Der entscheidende Perspektivwechsel lautet daher: Nicht: „Wie kann mein Kind sich dieses Wort merken?“

Sondern: „Wie wird dieses Wort meinem Kind vertraut?“

Vertrautheit entsteht durch:

  • wiederholtes Hören
  • klare Bedeutungszuordnung
  • gleichbleibende Kontexte
  • visuelle Unterstützung

Dabei wird ein Wort nicht isoliert gespeichert, sondern in bestehende Netzwerke eingebunden. Das entspricht auch dem, was wir aus der Spracherwerbsforschung wissen: Wortschatz entwickelt sich nicht durch reines Wiederholen, sondern durch bedeutungsvolle Einbettung und Wiedererkennen.

Warum Schreiben zunächst nicht im Mittelpunkt stehen sollte

Ein häufiger Stolperstein ist die frühe Verknüpfung von Vokabellernen und Schreiben. Für viele Kinder mit LRS ist genau das der schwierigste Teil. Wenn Schreiben sofort gefordert wird, überlagert es den eigentlichen Lernprozess. Das Kind ist dann nicht mehr damit beschäftigt, ein Wort zu verstehen oder wiederzuerkennen, sondern mit der Frage: „Wie schreibt man das richtig?“

Aus lerntherapeutischer Sicht ist es deshalb sinnvoll, die Reihenfolge bewusst zu verändern:

  1. hören
  2. verstehen
  3. wiedererkennen
  4. sprechen
  5. schreiben (zu einem späteren Zeitpunkt)

Diese Abfolge entspricht nicht nur dem natürlichen Spracherwerb, sondern reduziert auch unnötige kognitive Belastung.

Wie Vokabellernen anders aussehen kann

Was bedeutet das konkret – zu Hause, im Unterricht oder in der Lerntherapie? Ein möglicher Zugang:

Ein Kind hört neue Wörter mehrfach – eingebettet in einfache, klare Sätze.
Es sieht dazu passende Bilder.
Es beginnt, Wörter wiederzuerkennen.

Vielleicht zeigt es auf ein Bild.
Vielleicht wählt es aus mehreren Möglichkeiten aus.
Vielleicht spricht es einzelne Wörter nach.

All das ist bereits Lernen. Und zwar Lernen, das:

  • anschlussfähig ist
  • Sicherheit gibt
  • und langfristig trägt

Ein wichtiger Gedanke für Eltern

Viele Eltern haben Sorge, ihr Kind könnte „nicht genug tun“ oder den Anschluss verlieren. Diese Sorge ist sehr verständlich. Und gleichzeitig ist es wichtig zu wissen: Vorbereitung bedeutet nicht, Inhalte vorwegzunehmen. Vorbereitung bedeutet: eine Grundlage zu schaffen, auf der Lernen überhaupt möglich wird. Und diese Grundlage ist nicht die perfekte Schreibweise eines Wortes –
sondern das Gefühl: „Das kenne ich schon.“

Langfristige Auswirkungen

Wenn Kinder Wörter auf diese Weise kennenlernen, verändert sich etwas Grundlegendes. Sie erleben nicht mehr nur ihre Schwierigkeiten – sondern auch ihre Kompetenzen. Sie merken:

  • „Ich verstehe etwas.“
  • „Ich erkenne Wörter wieder.“
  • „Ich kann mitgehen.“

Diese Erfahrungen stärken die Selbstwirksamkeit und bilden die Basis für Motivation und Lernbereitschaft.

Fazit

Vokabelpauken scheitert bei Kindern mit LRS nicht an mangelnder Übung, sondern am falschen Zeitpunkt und vor allem am falschen Zugang. Ein Wort kann erst dann sicher gelernt werden, wenn es dem Kind vertraut ist.
Und Vertrautheit entsteht nicht durch Schreiben, sondern durch Hören, Erleben und Wiedererkennen. Wenn dieser Weg berücksichtigt wird, verändert sich nicht nur der Lernerfolg – sondern auch die Haltung des Kindes zur Sprache.

Englisch wird dann nicht mehr zu etwas, das Druck erzeugt, sondern zu etwas, das sich Schritt für Schritt erschließen lässt. Und dies erlebt es dann auch in der Schule. Es erkennt die Wörter, die Bedeutung des Wortes. Es fühlt sich sicher genug, um sich am Unterricht zu beteiligen. Wenn meine Kurs-Kinder von diesen Erfolgen erzählen, vom Lob des Lehrers, vom Wissen und Können, vom Mut gefasst haben zu reden, dann weiß ich: Wir sind einen großen Schritt vorangekommen.

Hinweis

Dieser Leitfaden ist Teil einer fortlaufenden Reihe.
Die einzelnen Artikel bauen aufeinander auf und vertiefen jeweils einen zentralen Aspekt.

Reihenübersicht:

  1. Wie Kinder mit LRS gut vorbereitet starten
  2. Englisch lernen mit LRS: Verstehen und Struktur
  3. Warum Vokabelpauken oft nicht hilft
  4. Englisch zuerst hören
  5. Wörter sehen statt schreiben
  6. Sprechen ohne Schreibdruck
  7. Mut statt Perfektion

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