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Lernen ist wie Rudern gegen den Strom – eine eindrucksvolle Metapher für Lernwege

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Lernen ist wie Rudern gegen den Strom – eine eindrucksvolle Metapher für Lernwege

Ein Zitat, das Lernwege sichtbar macht

Ich bin auf dieses Zitat gestoßen, als ich Monika Zandras Buch „Gestalte deine Lernbiografie“ gelesen habe.
Und wie das manchmal ist: Ein einziger Satz lässt einen innehalten, nachdenklich werden.
„Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück.“
Mich hat dieses Bild sofort gefangen genommen, da es Lernwege so treffend beschreibt. Vor allem das Lernen von Kindern, deren Schulweg steiniger ist als der ihrer Mitschüler.

Lernen ist kein Zustand – Lernen ist Bewegung

Als ich über das Bild nachgedacht habe, sind mir zwei Sätze eingefallen, die meine Dozenten damals immer wieder sagten:
„Use it or lose it.“
„What fires together, wires together.“
Sie beschreiben auf biologischer Ebene genau das, was die Metapher im Kern erzählt:
Lernen braucht Wiederholung und Lebendigkeit.
Man bleibt nicht stehen.
Man verändert sich – ob man will oder nicht.

Infokasten:

Neuropsychologie des Lernens „Use it or lose it“ & „What fires together, wires together“

Diese beiden Sätze stammen aus der Neuropsychologie und fassen zusammen, wie Lernen im Gehirn funktioniert:

„Use it or lose it“

Was wir nicht regelmäßig nutzen, wird im Gehirn abgeschwächt oder abgebaut.
Das gilt für Wissen, Strategien, Fertigkeiten – und sogar für Selbstvertrauen.
Deshalb sind Wiederholung, Übung und kleine Schritte so wichtig.

„What fires together, wires together“

Dieser Satz beschreibt die Hebb’sche Lernregel:
Wenn Nervenzellen gleichzeitig aktiv sind, verbinden sie sich miteinander.
Je öfter sich bestimmte Gedanken, Handlungen oder Lernschritte wiederholen,
desto stärker verankern sie sich im Gehirn.

1. Lernen ist dynamisch – nichts bleibt so, wie es ist

Die kognitive Psychologie (Ebbinghaus, Anderson, Baddeley) zeigt seit Jahrzehnten sehr deutlich, dass Lernen ein beweglicher Prozess ist. Wissen verblasst, wenn wir es nicht nutzen. Fähigkeiten verlieren an Präzision, wenn sie nicht wiederholt werden. Aufmerksamkeit, Motivation, Konzentration – all das ist nicht statisch, sondern verändert sich von Tag zu Tag. Genau dieses Wechselhafte beschreibt die Metapher vom Fluss auf eine Weise, die sofort verständlich ist: Lernen bedeutet Rudern, und wenn man eine Zeit lang nicht rudert, bleibt man nicht einfach dort stehen, wo man war. Man wird langsam wieder zurückgetragen.

Dieses Zurücktreiben ist kein persönliches Versagen, sondern ein natürlicher, neurobiologischer Vorgang. Das Gehirn sortiert aus, was nicht gebraucht wird, und stärkt, was häufig aktiviert wird. Alles, was wir neu lernen, braucht daher Wiederholung, Struktur, kleine Schritte und regelmäßige Aktivierung. „Use it or lose it“ und „What fires together, wires together“ sind genau die Formulierungen, die diese Mechanismen beschreiben: Lernen baut auf Nutzung auf, auf Wiederholen, auf dem erneuten Anknüpfen an schon bestehende Verbindungen.

Das Bild vom Fluss übersetzt diese wissenschaftlichen Grundlagen in etwas Alltagstaugliches: Rudern steht für das aktive Lernen, kleine Schritte, Wiederholung, Dranbleiben. Zurücktreiben beschreibt das, was ganz automatisch geschieht, wenn man eine Pause macht – besonders bei Kindern, deren Lernfluss ohnehin schneller, lauter oder turbulenter ist als der anderer. Das Bild macht klar: Jeder Lernweg bewegt sich, und Bewegung gehört zum Lernen dazu.

2. Die Strömung ist nicht für alle gleich stark – warum Lernen unterschiedlich schwer ist

Die Strömung ist nicht für alle Kinder gleich stark. Genau hier entfaltet die Metapher vom Rudern gegen den Strom ihre vielleicht größte Kraft – besonders bei Kindern mit LRS, Dyskalkulie, ADHS, Autismus bzw. Asperger, Lernbehinderung oder Konzentrationsschwierigkeiten.
Denn sie bringt etwas auf den Punkt, das viele dieser Kinder schon lange fühlen, oft ohne es je in Worte fassen zu können:

„Ich streng mich an – aber mein Fluss ist stärker als der der anderen.“

Individuelle Lernprofile beeinflussen die Strömung

In der Lernforschung spricht man in diesem Zusammenhang von individuellen Lernprofilen, kognitiver Belastung, Lernvoraussetzungen und neurodiversen Bedingungen. Das klingt sehr technisch – beschreibt aber im Kern genau das, was die Kinder tagtäglich erleben:
Sie sitzen im gleichen Klassenzimmer, aber nicht im gleichen Fluss.

Wie verschiedene Diagnosen die Strömung verändern

Bei LRS kostet Lesen ein Vielfaches an kognitiver Energie. Für andere Kinder reicht ein Paddelschlag – für sie ist dieselbe Strecke eine kräfteraubende Passage gegen spürbare Strömung.
Bei Dyskalkulie werden selbst grundlegende Zahlenaufgaben zu kleinen Stromschnellen, die ständig Konzentration, Mut und Stabilität erfordern.
Kinder mit ADHS erleben eine Strömung, die wechselhaft ist: mal ruhig, mal reißend, mal chaotisch. Nicht das Lernen selbst ist schwer – sondern das Dranbleiben in einem Fluss, der vermeintlich ständig seine Richtung ändert.
Für Kinder im Autismus-Spektrum liegt die stärkste Strömung oft im sozialen oder sensorischen Bereich: Geräusche, Gruppenarbeiten, Übergänge, unklare Aufgabenstellungen. Sie rudern nicht nur inhaltlich, sondern parallel gegen einen Strom von Eindrücken.
Kinder mit Lernbehinderung sind in einem schwereren Boot unterwegs. Sie bewegen sich langsamer und jedes Stück, das sie schaffen, verlangt eine enorme Kraftleistung, die im Alltag häufig übersehen wird.
Und Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten erleben einen Fluss, der mal nach rechts zieht, mal nach links, mal still steht und dann wieder Fahrt aufnimmt, ohne Vorwarnung.

Was all diese Beispiele verbindet, ist etwas sehr Einfaches und gleichzeitig sehr Grundlegendes:
Die Metapher benennt das, was Kinder intuitiv spüren – ohne ein einziges Fachwort.
Sie übersetzt wissenschaftliche Konzepte in ein Bild, das nicht entwertet oder beschämt, sondern sichtbar macht.

Sie erlaubt Kindern, endlich das auszusprechen, was viele jahrelang innerlich wissen und oft daran verzweifeln:
„Es liegt nicht daran, dass ich nicht will. Es liegt daran, dass mein Fluss anders fließt.“

Unsichtbare Belastungen im Lernprozess

Neben den bekannten Lernprofilen wie LRS, Dyskalkulie, ADHS, Autismus, Lernbehinderung oder Konzentrationsschwierigkeiten gibt es in der Lerntherapie viele weitere Strömungen, die ein Kind beeinflussen können – manchmal stärker als jede Diagnose. Manche Kinder kämpfen nicht nur mit einer Schwierigkeit, sondern navigieren durch mehrere „Nebenflüsse“, die ihren Lernweg zusätzlich erschweren.

Sehr viele Kinder haben Schwierigkeiten mit den exekutiven Funktionen – also mit den Fähigkeiten, die es brauchen würde, um das Lernen überhaupt zu organisieren. Dazu gehören Planung, Struktur, ein klares „Wie fange ich an?“, die Fähigkeit, bei einer Aufgabe zu bleiben, Informationen im Arbeitsgedächtnis zu halten oder Impulse zu kontrollieren. Wenn diese Funktionen schwach sind, fühlt sich Lernen an wie Rudern mit rutschigen, schlecht greifenden Ruderblättern: Man will loslegen, aber das Wasser scheint immer wieder zu entgleiten. Kinder, die sich eigentlich anstrengen wollen, verlieren sich dann in Kleinigkeiten, verzetteln sich, springen gedanklich hin und her oder kommen nicht vom Fleck – nicht aus Unwillen, sondern weil die exekutiven Fähigkeiten ihnen keine stabile Orientierung geben.

Hinzu kommen emotionale und soziale Belastungen, die in der Lerntherapie fast bei allen Kindern vorkommen – auch dann, wenn sie in keiner Diagnose auftauchen. Viele Kinder tragen Prüfungsangst, Schulangst, Blockaden oder ein dauerhaft niedriges Selbstwertgefühl mit sich herum. Manche haben so oft Misserfolg erlebt, dass allein das Wort „Aufgabe“ eine innere Strömung aus Stress und Druck auslöst. Perfektionismus, Angst vor Fehlern oder wiederholte Hänseleien tun ihr Übriges. Diese Kinder rudern nicht nur gegen fachliche Anforderungen, sondern gegen eine emotionale Gegenströmung, die ihnen jedes Vorwärtskommen erschwert. Und niemand sieht es von außen.

Auch motorische und sensorische Faktoren können den Fluss beeinflussen. Feinmotorische Unsicherheiten oder graphomotorische Schwierigkeiten machen das Schreiben anstrengend und ermüdend. Visuelle Wahrnehmungsprobleme – keine Sehschwäche, sondern Schwierigkeiten bei der Verarbeitung – lassen Buchstaben, Zahlen oder Muster verschwimmen oder verrutschen. Kinder, die sensorisch schnell überfordert sind (z. B. durch Lärm, flackerndes Licht, Gerüche oder Bewegungen im Raum), fahren ständig in einem Fluss mit Wellen, die andere gar nicht bemerken. Für sie ist der Unterricht ein permanenter Balanceakt, bevor überhaupt Lernen möglich ist.

Und dann gibt es noch die psychosozialen Strömungen, die den Fluss eines Lernenden vielleicht am stärksten beeinflussen: häufige Lehrerwechsel, wenig Unterstützung zu Hause, instabile Familiensituationen, Schlafmangel, Überlastung, fehlende Routinen oder chronische Erschöpfung. Manche Kinder kommen mit einem Boot, das kaum zu manövrieren ist, weil ihr Alltag sie vorher so viel Kraft gekostet hat. Diese Strömungen tauchen in keinem Zeugnis auf – aber sie bestimmen maßgeblich, wie viel ein Kind leisten kann.

Kombinationen verschiedener Strömungen

Viele Kinder in der Lerntherapie erleben nicht nur eine dieser Strömungen, sondern eine Kombination daraus. Ein Kind mit LRS kämpft vielleicht zusätzlich mit Prüfungsangst und schwacher Impulskontrolle. Ein Kind mit ADHS hat vielleicht motorische Unsicherheiten und schlechte Vorerfahrungen in der Schule. Ein Kind im Autismus-Spektrum kann gleichzeitig Konzentrationsschwierigkeiten und sensorische Überlastungen haben. Oder ein Kind mit einer Lernbehinderung trägt zusätzlich soziale Ängste und geringe Selbstwirksamkeit mit sich.

Solche Kombinationen führen dazu, dass der Fluss an mehreren Stellen gleichzeitig zieht: von der Seite, von vorne, manchmal sogar von unten. Das Rudern wird dadurch nicht doppelt so schwer – sondern gefühlt dreifach, vierfach, fünffach. Kinder, die solche Mehrfachströmungen bewältigen, leisten enorm viel, oft ohne dass es jemand sieht oder würdigt.

Was diese Metapher sichtbar macht

Genau hier wirkt die Metapher so kraftvoll:
Sie zeigt, dass es nicht darum geht, wie schnell ein Kind rudert, sondern gegen wie viele Strömungen.
Dass manche Kinder trotz massiver Gegenströmung jeden Tag weiter paddeln.
Und dass jedes einzelne Vorankommen – und sei es nur ein Meter – ein Erfolg ist, der gesehen werden sollte.

3. Lernen ist emotional – warum Gefühle den Lernweg prägen

Lernen besteht aus Erlebnissen, nicht nur aus Aufgaben

Lernbiografien bestehen aus kleinen Erfolgen, Enttäuschungen, Mutmomenten, Phasen des Aufgebens, Wieder-Neu-Anfangen und oft aus Sätzen wie „Ich kann das nicht“. Es sind Momente, in denen ein Kind plötzlich wieder Perspektive bekommt – manchmal durch Unterstützung, manchmal durch ein kleines Erfolgserlebnis, manchmal einfach dadurch, dass jemand hinschaut. Die Bildungspsychologie spricht hier von Selbstwirksamkeit (Bandura) und Lernerleben (Schrader, Pekrun).
Das Rudern-Bild macht diese emotionalen Schichten sichtbar: Manchmal rudert man voller Kraft. Manchmal rudert man gar nicht. Manchmal treibt man einfach. Und manchmal rudert man gegen Strömungen, die niemand sieht. Lernen wird damit nicht als Theorie beschrieben – sondern als Gefühl.

Warum die Metapher entlastet statt beschämt

Wenn wir Lernbiografien betrachten – die Mischung aus Erfolg, Frust, Stillstand, Wendepunkten und überraschenden Fortschritten – spiegelt die Rudern-Metapher all das sehr klar. Das Boot steht für die Voraussetzungen eines Kindes: seine Stärken, Diagnosen, Erfahrungen, sein Selbstbild und sein Temperament. Der Strom beschreibt die Anforderungen, die an das Kind gestellt werden: Lehrpläne, Tempo, Belastung, Wechsel, Mobbing und Erwartungen. Das Rudern ist das, was ein Kind aktiv tun kann: üben, Strategien anwenden, kleine Schritte gehen, Hilfen nutzen, Mut fassen, Pausen machen. Und das Zurücktreiben ist ein natürlicher Prozess: Was wir nicht nutzen, verblasst. Was wir selten tun, sitzt nicht fest. Was schwer ist, braucht Wiederholung.
Diese Metapher wertet nicht. Sie erklärt.

Man könnte den Satz als Mahnung verstehen. Doch richtig gelesen sagt er etwas ganz anderes: „Nicht du bist das Problem – der Strom ist stark, immer wieder auch zu stark.“ Kinder mit besonderen Lernwegen rudern in Flüssen mit mehr Anforderungen, mehr Hindernissen, weniger Pausen, mehr Druck, weniger Verständnis und mehr inneren Kämpfen. Wenn sie nicht rudern, ist das oft Erschöpfung, Überforderung, mangelnde Unterstützung, Frust, Angst oder fehlende Strategien – nicht Faulheit. Genau das macht die Metapher so wertvoll.

Metaphern arbeiten nie wörtlich, sondern symbolisch. In der Pädagogik nutzt man diese Struktur seit Jahrzehnten, weil sie komplexe Zusammenhänge einfach sichtbar macht. Das Boot steht für Dispositionen und Voraussetzungen – also alles, was ein Kind mitbringt (LRS, ADHS, Dyskalkulie, Autismus, Lerntempo, Emotionen, Biografie). Das Ruder steht für Strategien, Handlungen und Selbststeuerung – Hilfen, Methoden, Pausen, Unterstützung, Wiederholung, Mut. Diese Doppelstruktur ist Standard in Modellen der Lern- und Bildungspsychologie (Zimbardo, Weinert, Bandura, Grolimund/Petillon, systemische Pädagogik, neuropsychologische Modelle, Lakoff & Johnson). Sie alle sehen den Menschen als ein Grundsystem (Boot), das bestimmte Möglichkeiten (Ruder) hat.

Lernprofile im Rudern-Bild wiederfinden

Auch die verschiedenen Lernprofile kann man hervorragend in dieser Metapher spiegeln.
Kinder mit LRS sagen oft: „Ich rudere und rudere — aber alle anderen sind schneller.“ Das Bild erlaubt zu sagen: „Dein Fluss ist schwerer. Du brauchst andere Ruder und andere Rhythmen.“
Bei Dyskalkulie spüren Kinder: „Mathe zieht mich mit.“ Die Metapher antwortet: „Du bist nicht schlecht. Dein Fluss ist reißend.“
Kinder mit ADHS erleben: „Ich fange an, vergesse zu rudern, drehe mich im Kreis.“ Das Bild sagt: „Dein Rhythmus ist anders. Das ist okay.“
Kinder im Autismus-Spektrum fühlen: „Der Fluss ist laut, chaotisch, unvorhersehbar.“ Die Metapher antwortet: „Deine Strömung ist sozial, beinhaltet unterschiedlichste Menschen. Du bist nicht im luftleeren Raum – nicht deine Schuld, dass dich dieser Fluss überfordert.“
Kinder mit Lernbehinderung sagen: „Ich brauche länger.“ Das Bild sagt: „Dein Boot ist schwerer, aber du kommst voran. Jeder Meter zählt.“
Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten erleben: „Mein Fluss springt hin und her.“ Das Bild sagt: „Das ist dein Muster – wir bauen passende Ruder.“

Mehrfachbelastungen im Lernalltag erkennen

Hinzu kommen Strömungen, die im Schulalltag oft unsichtbar bleiben, uns in der Lerntherapie jedoch täglich begegnen: Exekutive Schwierigkeiten wie Planungsprobleme, ein schwaches Arbeitsgedächtnis oder Probleme beim Anfangen; emotionale Tendenzen wie Angst, Perfektionismus, Blockaden, Schulangst oder ein dauerhaft niedriges Selbstwertgefühl; sensorische oder motorische Belastungen wie Lärmempfindlichkeit, Reizüberflutung, visuelle Wahrnehmungsprobleme oder graphomotorische Unsicherheiten. Manche Kinder rudern außerdem gegen psychosoziale Strömungen: häufige Lehrerwechsel, Belastungen zu Hause, mangelnde Routinen, Schlafprobleme, Überforderung – all das, was ihren Alltag schon vor dem Lernen schwer macht.

Viele Kinder erleben nicht nur eine dieser Strömungen, sondern eine Kombination aus mehreren. Ein Kind mit LRS kann zusätzlich Prüfungsangst und schwache exekutive Funktionen haben. Ein Kind mit ADHS kann sensorisch schnell überfordert sein und negative Schulerfahrungen mitbringen. Ein Kind mit Autismus kann zugleich Konzentrationsschwierigkeiten und soziale Ängste haben. Ein Kind mit Lernbehinderung kann gleichzeitig mit Perfektionismus, niedrigem Selbstwert und einem schwierigen Umfeld kämpfen.
Solche Kombinationen führen dazu, dass der Fluss an mehreren Stellen gleichzeitig zieht: von vorn, von der Seite, mal sanft, mal reißend. Das Rudern wird dadurch nicht doppelt schwer – sondern gefühlt drei- oder vierfach. Kinder, die sich trotzdem täglich aufs Wasser wagen, leisten Erstaunliches, oft ohne dass es jemand bemerkt.

Das Rudern-Bild erlaubt diesen Kindern, ihr Selbstbild neu zu sehen. Viele sagen jahrelang innerlich: „Ich bin dumm“, „Ich bin zu langsam“, „Ich komme nie hinterher“. Die Metapher ermöglicht neue Sätze:
„Ich hatte eine stärkere Strömung.“
„Ich brauchte bessere Ruder.“
„Ich war erschöpft.“
„Ich habe länger gekämpft als andere.“
„Mein Fluss war stürmisch – und ich bin immer noch hier.“
Das ist kein Trostpflaster. Das ist eine neue Wahrheit.

Wie die Metapher praktisch genutzt werden kann

Auch praktisch lässt sich die Metapher wunderbar nutzen:
Im Lerncoaching können Kinder den Fluss ihrer Lernbiografie betrachten: Stationen markieren (Klasse 1, 3, 4, 5, 7 …), überlegen, wie der Strom damals war, wie viel sie gerudert haben und wer im Boot saß. Alte Sätze lassen sich umdeuten („Ich war faul“ wird zu „Der Strom war extrem stark“). Und für die Zukunft können Kinder überlegen, welche Ruder sie jetzt brauchen, wer sie begleiten kann und wo und wie Strömungen entschärft werden können.

Am Ende zeigt die Metapher, dass Lernen Bewegung ist – und jeder bewegt sich anders. Lernen ist kein Sprint, kein Wettbewerb, keine Charakterfrage. Lernen ist ein Fluss, mit ruhigen Stellen und wilden Wassern, mit schweren Booten und leichten, mit Kindern, die seit Jahren pausenlos und mit großen Kraftanstrengungen rudern, ohne dass es jemand wirklich sieht.

Wenn Kinder und Eltern nicht im selben Boot sitzen

Viele Kinder rudern lange alleine – oder haben zumindest dieses Gefühl.
Und viele Eltern stehen am Ufer und wissen nicht, wie sie eingreifen sollen.
Die Metapher hilft, diese Distanz sichtbar zu machen und Wege zu finden, wieder näher aneinanderzurücken.

Reflexionsfragen für Eltern und Fachkräfte:

Wie sieht der Fluss Ihrer eigenen Lernbiografie aus?
Welche Strömungen haben Sie geprägt – früher und heute?
Wo wurden Sie einmal zurückgetrieben?
Und was hat Ihnen geholfen, wieder voranzukommen?

Wenn Sie an ein, an Ihr Kind denken, das Sie begleiten:
Welche Strömungen wirken in seinem Fluss?
Wo rudert es schon lange verzweifelt – vielleicht ohne dass es jemand bemerkt?
Welche Ruder könnten ihm im Moment wirklich helfen?
Und wo wäre es wichtig, dass es nicht alleine rudert?

Solche Fragen verändern nicht sofort den Lernfluss.
Aber sie verändern oft den Blick darauf –
und das ist häufig der erste Schritt.

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