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Englisch und LRS: Warum das Alphabet oft unterschätzt wird

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Englisch und LRS: Warum das Alphabet oft unterschätzt wird

Bei mir in der Lerntherapie, vor allem in meinen Englisch-Kursen, sitzen viele Kinder, die nicht wissen, was ich meine, wenn ich von „ti eidsch“ (th) spreche. Sie schauen mich mit großen, fragenden Augen an. Denn auf ihrem Blatt steht ein t und ein h. Sie schauen mich wirklich irritiert an. Spätestens jetzt wird mir klar, dass Vieles aus dem Englischunterricht an der Schule an ihnen nur vorbeiflutet, sie wirklich nicht wissen, wovon ich rede.

Und immer wieder ertappe ich mich, dass ich gewisse Dinge, dass ich Wissen, voraussetze. Annehme, dass Kinder in der 7. Klasse wissen, was „ti eidsch“ bedeutet. Ich vergesse dabei, dass viele der Kinder bereits während der 5. Klasse abschalten, überfordert sind, vor vielen Rätseln und Bergen stehen. Kinder mit LRS, die gerade begannen, sich in Deutsch, ihrer Muttersprache, etwas sicherer zu bewegen. Etwas verstanden hatten. Regeln anwenden konnten. Und denen mit Englisch als Fremdsprache erneut der Boden unter den Füßen weggerissen wird.

Das, was im Deutschen gilt, hat plötzlich keinen Bestand mehr im Englischen. Gefühlt bedeutet es für die Kinder bei jedem Vokabeltest mindestens 80 komplett neue Wörter in Aussprache und Rechtschreibung, die zu lernen sind. Bei jedem einzelnen Vokabeltest. Sie erkennen keine Zusammenhänge, keine Regeln. Warum wird das englische Wort „nature“ nicht „neidscher“ geschrieben? So wird es doch ausgesprochen. Warum heißt das englische Wort „jungle“ „dschangel“? So wird es doch gar nicht geschrieben. „Das steht da nicht bei mir!“

Und genau hier beginnt etwas, das im Unterricht oft übersehen wird: Die Kinder haben keine stabile Grundlage, auf die sie zurückgreifen können. Ihnen fehlt etwas scheinbar ganz Einfaches – das Alphabet als sicheres, verinnerlichtes Werkzeug.

Denn wenn ein Kind nicht sicher weiß, wie Buchstaben heißen, wie sie klingen und wie sie zusammenwirken, dann bleibt Sprache ein Rätsel. Dann ist „th“ eben nicht automatisch „ti eidsch“, sondern einfach nur ein t und ein h nebeneinander. Ohne Bedeutung. Ohne Funktion. Ohne Zusammenhang.

Für viele Kinder mit LRS ist das Alphabet nicht automatisiert. Es ist nicht „da“. Jeder Buchstabe muss einzeln erkannt, benannt, erinnert werden. Das kostet unglaublich viel Energie. Energie, die dann beim eigentlichen Lernen fehlt. Beim Verstehen. Beim Schreiben. Beim Lesen.

Ich erlebe oft, dass Kinder beim Buchstabieren stocken. Dass sie innerlich suchen: „Wie heißt der Buchstabe nochmal?“ Während andere Kinder längst beim Wort sind, hängen sie noch beim einzelnen Zeichen fest. Das ist kein mangelnder Wille. Das ist Überlastung.

Und im Englischen wird genau diese Fähigkeit plötzlich entscheidend. Buchstabieren ist hier kein Nebenprodukt – es ist eine zentrale Strategie. Kinder müssen Wörter auseinandernehmen können. Sie müssen hören, welche Laute sie wahrnehmen, und diese mit Buchstaben verknüpfen. Und dafür brauchen sie Sicherheit. Routine. Verlässlichkeit.

Das Alphabet wird damit zu etwas viel Größerem als einer Reihenfolge von Buchstaben. Es wird zu einer Art innerer Landkarte. Zu einem Orientierungssystem in einer Sprache, die sich für viele Kinder erst einmal chaotisch anfühlt.

Wenn diese Landkarte fehlt, wirkt alles willkürlich. Wenn sie vorhanden ist, entstehen erste Anker. Erste kleine Aha-Momente. Erste Zusammenhänge.

Und noch etwas passiert: Die Kinder erleben wieder ein Stück Kontrolle.

Viele meiner Schüler haben das Gefühl, dass Englisch einfach „nicht geht“. Dass es keinen Sinn ergibt. Dass sie es sowieso nicht können. Doch wenn sie beginnen, Buchstaben sicher zu erkennen, zu benennen, zu hören und zu schreiben, verändert sich etwas. Plötzlich gibt es einen Einstieg. Etwas, das sie greifen können.

Das Alphabet ist damit kein „Anfangsthema“, das man einmal kurz durchnimmt und dann abhakt. Für Kinder mit LRS ist es eine Grundlage, die immer wieder aufgebaut, gefestigt und verknüpft werden muss. Ruhig, klar, wiederholend – und vor allem verstehbar.

Denn erst, wenn die Buchstaben sicher sind, kann Sprache beginnen, Sinn zu ergeben.

Auf meiner Homepage sind unter anderem folgende Artikel zu finden: LRS und Englisch, „Englisch lernen mit LRS – Sprachfreude statt Frust“ – Lerntherapie Reutlingen, Nachteilsausgleich

Und meine Netzwerkkollegin Susanne Seyfried hat zum Nachteilsausgleich bei Englisch ebenfalls einen Artikel.

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