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Verhalten verstehen heißt (Lern-)Biografie verstehen
Vor einiger Zeit saß ein Kind vor mir, das bereits beim Wort „Diktat“ die Schultern hochzog. Noch bevor die erste Aufgabe begonnen hatte, war die Überzeugung da: „Das kann ich sowieso nicht.“
Solche Momente begegnen mir in der Lerntherapie immer wieder. Und sie haben meist eine längere Geschichte.
Was passiert eigentlich in einem Kind, das beim Schreiben erstarrt, beim Lesen Bauchschmerzen bekommt oder schon beim Wort „Diktat“ innerlich aufgibt?
Von außen sehen wir häufig nur das Sichtbare: Fehler, langsames Arbeitstempo, Vermeidung, Trödeln, Rückzug oder manchmal auch Wut. Doch unter dieser Oberfläche liegt oft etwas viel Tieferes verborgen – die Lernbiografie eines Menschen.
Die Lernbiografie umfasst alle Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens mit Lernen gemacht hat. Sie entsteht nicht erst in der Schule. Sie beginnt viel früher. Sie entsteht durch Ermutigung und Enttäuschung, durch Erfolgserlebnisse und Misserfolge, durch Vergleiche, Rückmeldungen, Erwartungen und Erfahrungen.
Im Laufe der Jahre entwickeln Kinder Vorstellungen über sich selbst und ihre Fähigkeiten. Sie beantworten für sich Fragen, die oft nie laut ausgesprochen werden. Bin ich schlau oder dumm? Darf ich Fehler machen? Muss ich perfekt sein, um anerkannt zu werden? Bin ich jemand, der etwas kann – oder eben nicht?
Manche Kinder erleben, dass sich Anstrengung lohnt und sie mit Herausforderungen wachsen können. Andere machen immer wieder die Erfahrung, dass Lernen schwer ist, dass sie trotz Übens Fehler machen oder sich ständig mit anderen vergleichen müssen. So entstehen Überzeugungen wie: „Ich bin schlecht in Deutsch.“ „Mathe kann ich einfach nicht.“ „Sprachen liegen mir nicht.“ Oder: „Ich schaffe das sowieso nicht.“
Diese Sätze hören wir manchmal laut ausgesprochen. Häufiger wirken sie still im Hintergrund. Sie beeinflussen, wie Kinder an Aufgaben herangehen, wie viel sie sich zutrauen und wie sie mit Fehlern umgehen.
Und genau deshalb geht Lerntherapie weit über Rechtschreibung, Lesen oder Rechnen hinaus.
Denn Kinder arbeiten nicht nur an Fehlern. Sie arbeiten an ihrem Bild von sich selbst als Lernende.
In der Lerntherapie begegnen mir häufig Kinder, die Schule nicht mehr als sicheren Ort erleben. Für sie fühlt sich Lernen oft unvorhersehbar, unkontrollierbar oder sinnlos an. Sie haben gelernt, dass Anstrengung nicht automatisch zu Erfolg führt. Manche haben erlebt, ausgelacht zu werden. Andere haben über Jahre das Gefühl entwickelt, das Sorgenkind zu sein. Wieder andere funktionieren still und angepasst, und niemand sieht, wie viel Kraft sie das jeden Tag kostet.
Vor einiger Zeit arbeitete ich mit einem Jungen, der bei nahezu jeder Schreibaufgabe zuerst sagte: „Das kann ich nicht.“ Anfangs hätte man denken können, er traue sich einfach wenig zu. Mit der Zeit wurde jedoch deutlich, dass hinter diesem Satz viele Erfahrungen standen. Schreiben war für ihn über Jahre mit Fehlern, Korrekturen und Frust verbunden gewesen. Noch bevor er überhaupt begonnen hatte, rechnete er bereits mit dem nächsten Misserfolg. Erst als er wieder erleben durfte, dass ihm Dinge gelingen können, begann sich sein Blick auf das Lernen langsam zu verändern.
Besonders eindrücklich lässt sich das mit dem Bild eines Eisbergs beschreiben. Sichtbar über der Wasseroberfläche sind Fehler, Noten, Vermeidungsverhalten, Tränen, Wut oder Aggressionen. Unter der Wasseroberfläche liegen jedoch häufig Ängste, Beschämung, mangelnde Selbstwirksamkeit, familiäre Erwartungen, innere Glaubenssätze und ein Körpergedächtnis voller Stress.
Ein Kind, das beim Schreiben verkrampft den Stift hält, zeigt manchmal nicht einfach fehlende Feinmotorik. Es zeigt möglicherweise das körperliche Echo jahrelanger Überforderung.
Im Laufe der Zeit entwickeln Kinder außerdem innere Muster und Überzeugungen darüber, wie Lernen funktioniert. In der Lerntherapie sprechen wir dabei manchmal von einem Lernskript – einem inneren Drehbuch, das unser Verhalten in Lernsituationen beeinflusst.
Manche Kinder haben verinnerlicht, dass sie erst aufhören dürfen, wenn alles fehlerfrei ist. Andere vermeiden Aufgaben lieber ganz, bevor sie einen Fehler machen könnten. Wieder andere glauben, dass Lernen grundsätzlich schwer sein muss, damit es überhaupt etwas wert ist.
Diese Muster entstehen nicht einfach so. Sie wachsen aus Erfahrungen. Aus Blicken. Aus Sätzen. Aus Vergleichen. Aus wiederholten Misserfolgen. Aus Druck. Aus Anpassung. Aus Angst.
Deshalb reicht es in der Lerntherapie oft nicht aus, nur an den sichtbaren Schwierigkeiten zu arbeiten. Natürlich brauchen Kinder Strategien. Sie müssen lernen, wie Lesen, Schreiben, Rechnen oder Englisch funktionieren. Gleichzeitig brauchen sie aber auch neue Erfahrungen. Sie brauchen die Erfahrung, dass Lernen nicht immer mit Druck verbunden sein muss, dass Fehler erlaubt sind und dass Unterstützung nichts mit Schwäche zu tun hat. Viele Kinder erleben zum ersten Mal, dass ihr eigenes Tempo in Ordnung ist und dass ihr Wert als Mensch nicht von einer Note oder einem Diktat abhängt.
Verhalten verstehen heißt (Lern-)Biografie verstehen
Dieser Gedanke begleitet mich in meiner Arbeit immer wieder.
Hinter Widerstand steckt oft Angst. Hinter Vermeidung oft Scham. Hinter Wut oft Überforderung. Und hinter dem Satz „Ist mir egal“ manchmal ein Kind, das längst aufgehört hat zu glauben, erfolgreich sein zu können.
Besonders wichtig ist deshalb die Arbeit an der Selbstwirksamkeit. Viele Kinder mit belasteter Lernbiografie glauben irgendwann nicht mehr daran, dass ihr eigenes Handeln etwas verändern kann. Erfolg wird als Zufall erlebt, Misserfolg als persönlicher Beweis von Unfähigkeit.
Doch genau hier kann Lerntherapie einen Wendepunkt schaffen.
Ich denke dabei an ein Mädchen, das sich über Monate hinweg konsequent weigerte, englische Wörter laut vorzulesen. Sie war überzeugt, dass die anderen über ihre Aussprache lachen würden. Irgendwann las sie ein einziges Wort vor. Dann einen Satz. Wochen später einen ganzen Text. Nicht, weil plötzlich alles leicht geworden wäre, sondern weil sie Schritt für Schritt erleben durfte, dass sie Herausforderungen bewältigen kann. Genau solche Erfahrungen verändern oft mehr als jede Regel und jede Übung.
Je länger ich in der Lerntherapie arbeite, desto mehr wird mir bewusst, dass nicht nur Kinder ihre Lernbiografie mitbringen. Auch wir Erwachsenen tragen unsere eigene Geschichte in uns. Unsere Erfahrungen mit Schule, Fehlern, Leistung, Lob und Anerkennung begleiten uns oft weit über die Schulzeit hinaus.
Vielleicht mussten wir selbst immer stark sein. Vielleicht haben wir gelernt, dass gute Leistungen selbstverständlich sind oder dass Fehler möglichst vermieden werden sollten. Vielleicht waren wir selbst das stille, angepasste Kind. Oder das Kind, das sich alles hart erarbeiten musste.
All diese Erfahrungen beeinflussen unseren Blick auf Kinder. Sie prägen unsere Erwartungen, unsere Geduld und manchmal auch unsere Vorstellungen davon, was ein Kind eigentlich können müsste. Professionelle Haltung bedeutet für mich deshalb nicht, frei von eigenen Erfahrungen zu sein. Vielmehr bedeutet sie, sich der eigenen Geschichte bewusst zu werden und sie immer wieder zu reflektieren.
Denn jede Lernbiografie bringt Ressourcen mit sich – aber auch blinde Flecken.
Die gute Nachricht ist: Lernbiografien sind nicht festgeschrieben.
Sie sind keine Lebensurteile.
Sie beschreiben Erfahrungen. Und Erfahrungen können durch neue Erfahrungen ergänzt und verändert werden.
Ein Kind, das heute überzeugt ist, nicht lesen zu können, muss das nicht sein Leben lang bleiben. Ein Jugendlicher, der glaubt, in Mathematik grundsätzlich zu versagen, kann neue Erfahrungen machen. Ein Kind, das Lernen nur mit Druck verbindet, kann erleben, dass Lernen auch anders möglich ist.
Deshalb interessiert mich in der Lerntherapie nicht nur, wie eine Lernbiografie entstanden ist. Mich interessiert vor allem, wie sie weitergeschrieben werden kann.
Jede gelungene Aufgabe, jede überwundene Hürde und jeder noch so kleine Erfolg werden Teil dieser neuen Geschichte. Schritt für Schritt entstehen neue Erfahrungen. Erfahrungen, die Kindern zeigen: „Ich kann etwas bewirken. Ich kann lernen. Ich kann wachsen.“
Nach vielen Jahren in der Lerntherapie bin ich überzeugt: Kinder brauchen Strategien. Kinder brauchen Übung. Kinder brauchen manchmal auch sehr viel Geduld. Vor allem aber brauchen sie Erwachsene, die hinter Fehlern den Menschen sehen.
Denn letztlich geht es in der Lerntherapie nicht nur darum, Rechtschreibung zu verbessern, mathematische Strategien aufzubauen oder Englisch zu lernen.
Es geht darum, dass ein Kind sich selbst wieder als lernfähig erleben darf.
Und manchmal beginnt genau dort der wichtigste Lernprozess überhaupt.
Ihre
Sabine Walker
Zum Thema Lernbiografie habe ich weitere Artikel auf meiner Homepage: Lieblingsfächer und Überlebensfächer – was unsere Lernbiografie über uns erzählt, Meine Lernbiografie – warum unsere Schulerfahrungen uns bis heute prägen, Lernen ist wie Rudern gegen den Strom – eine eindrucksvolle Metapher für Lernwege
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