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Lebenslang lernfähig? Warum Hänschen und Hans neu gedacht werden müssen

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Lebenslang lernfähig? Warum „Hänschen“ und „Hans“ heute ganz neu gedacht werden müssen

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Wir alle kennen diese Volksweisheit. Sie gehört zu den tief sitzenden Glaubenssätzen unserer Gesellschaft über Bildung und Entwicklung. Dahinter steckt die fatale Vorstellung, dass verpasste Gelegenheiten in der Kindheit ein endgültiges Urteil über den Rest des Lebens fällen. Doch entspricht das überhaupt noch dem aktuellen Stand der Wissenschaft? Aus Sicht der modernen Lernbiografieforschung müssen wir hier ganz klar sagen: Nein, diese Aussage ist in ihrer Absolutheit längst überholt. Dennoch enthält sie einen Kern, den wir genauer betrachten müssen.

Der wahre Kern: Warum uns die Kindheit so stark prägt

Es ist unbestritten, dass die Kindheit eine extrem lernintensive und sensible Lebensphase ist. Das kindliche Gehirn entwickelt sich in einer rasanten Geschwindigkeit; grundlegende Denkstrukturen entstehen, die Muttersprache wird erworben und tiefe Verhaltensmuster werden geprägt. Frühe Bildungserfahrungen legen ein starkes Fundament für den gesamten weiteren Lebensweg. Wer früh erfährt, dass Lernen Freude macht und zum Erfolg führt, entwickelt Selbstvertrauen und eine positive Haltung zu Bildung. Umgekehrt können frühe Misserfolge – wie etwa unerkannte oder schlecht begleitete Lernschwierigkeiten – tiefe Spuren hinterlassen.

Aus dieser Perspektive beschreibt das Sprichwort etwas Richtiges: Frühe Lerngelegenheiten sind extrem wertvoll und prägend. Allerdings gibt es hierbei eine biologische Nuance, die wir nicht verschweigen dürfen. In der Entwicklungsbiologie sprechen wir von „kritischen Phasen“. Das sind biologische Zeitfenster, in denen das Gehirn für bestimmte Reize besonders empfänglich ist – etwa beim grundlegenden Erstspracherwerb. Verpassen wir diese Fenster komplett, ist ein späteres Nachholen oft nur unter extrem erschwerten Bedingungen oder qualitativ anders möglich. Für das alltägliche Lernen, das Nachholen von Schulstoff oder den Erwerb neuer Kompetenzen gilt das so starr jedoch nicht.

Die moderne Hirnforschung: Lernen kennt kein Ablaufdatum

Gleichzeitig wissen wir aus der modernen Neurobiologie, dass unser Gehirn ein Leben lang lernfähig bleibt. Das Zauberwort heißt Neuroplastizität. Unser Denkorgan ist kein starres Gebilde, das mit dem 18. Lebensjahr fertig „verdrahtet“ ist. Es verändert sich bis ins hohe Alter hinein – vorausgesetzt, wir füttern es mit neuen Erfahrungen, Übung und gezielten Reizen. Jede neue Erkenntnis schafft neue neuronale Verbindungen.

Natürlich verändert sich die Art des Lernens. Als Erwachsener eine neue Sprache zu lernen oder beruflich komplett umzusatteln, erfordert oft mehr bewusste Zeit, eine andere Methodik und vor allem eine höhere innere Motivation als im Kindesalter. Aber die Fähigkeit an sich bleibt bestehen. Erwachsene studieren, wechseln Berufe oder entdecken im Ruhestand völlig neue Interessen. Die Annahme, nach der Jugend sei kein wesentliches Lernen mehr möglich, ist wissenschaftlich eindeutig widerlegt.

Die Lernbiografie: Das Drehbuch unserer Lernerfahrungen

Wenn die Biologie uns also nicht endgültig ausbremst, was entscheidet dann darüber, ob wir im Erwachsenenalter erfolgreich lernen? Die Antwort liegt in unserer individuellen Lernbiografie. Damit ist die Gesamtheit aller Lernerfahrungen gemeint, die ein Mensch im Laufe seines Lebens sammelt.

Dazu gehören:

  • Schulische Erfolge und Misserfolge
  • Die bildungsbezogene Haltung des Elternhauses
  • Vorbilder und Mentoren
  • Prägende Rückmeldungen von Lehrkräften
  • Persönliche Interessen und Hobbys
  • Gesellschaftliche, kulturelle und berufliche Einflüsse

Aus diesen Bausteinen formen wir unser sogenanntes Selbstkonzept des Lernens – das innere Drehbuch, nach dem wir uns selbst bewerten. Sätze wie „Ich war noch nie gut in Sprachen“, „Mathematik liegt mir einfach nicht“ oder „Ich bin jetzt zu alt für etwas Neues“ sind oft das Resultat einer negativ geprägten Lernbiografie. Diese tief sitzenden Überzeugungen blockieren das spätere Lernverhalten oft viel stärker als die tatsächlichen biologischen oder intellektuellen Fähigkeiten.

Keine Frage des Schicksals – aber eine Frage der Bedingungen

Die gute Nachricht aus der Bildungsforschung lautet: Lernbiografien prägen uns zwar, aber sie legen uns nicht endgültig fest. Neue, positive Erfahrungen können alte, negative Muster überschreiben. Wer in der Schule frustriert gescheitert ist, kann Jahre später durch eine wertschätzende Weiterbildung oder im Beruf ein völlig neues, gesundes Bild von sich als lernendem Menschen entwickeln.

Allerdings dürfen wir hierbei nicht in einen naiven Optimismus verfallen. Lernbiografien entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind untrennbar mit strukturellen Bedingungen verwoben. Sozioökonomische Faktoren, der Zugang zu finanziellen und zeitlichen Ressourcen, aber auch Diskriminierungserfahrungen im Bildungssystem spielen eine massive Rolle. Ein Mensch mit einer schwierigen Lernbiografie kann diese nicht einfach per Willenskraft „umschreiben“, wenn die gesellschaftlichen und strukturellen Barrieren den Zugang zu neuen, positiven Erfahrungen blockieren. Zu sagen, die Lernbiografie sei „kein Schicksal, sondern nur ein Ausgangspunkt“, greift zu kurz, wenn wir die Rahmenbedingungen nicht kritisch mitdenken.

Mein Fazit

Die alte Volksweisheit hält dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht stand. Richtig ist, dass die Kindheit Weichen stellt. Falsch ist jedoch, dass verpasstes Lernen im späteren Leben grundsätzlich verloren ist.

Aus Sicht der Lernbiografieforschung schlage ich daher eine zeitgemäße Umformulierung vor: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans oft unter anderen Bedingungen, manchmal langsamer, aber durchaus noch – vorausgesetzt, er bekommt die Chance dazu.“ Lernen ist kein exklusives Privileg der Jugend, sondern ein lebenslanger, dynamischer Prozess. Unsere Lernbiografie beeinflusst diesen Weg massiv und gibt uns das Werkzeug an die Hand – aber das letzte Kapitel ist noch lange nicht geschrieben.

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